was soll aus dir eigentlich mal werden?

Mai 23, 2008

Jetzt aber echt mal, Franki, sagte sein Bruder plötzlich ernst, was soll aus dir eigentlich mal werden?
Wieso? Was ist denn das für eine blöde Frage?
Nein, nicht schon wieder Streit! Ich meine das nicht böse oder so, aber wo soll das enden?
Wieso? Wieso soll was wo enden?
Na, was du da im Augenblick so machst, das ist doch alles ein bißchen seltsam, mal ehrlich.
Das soll überhaupt nirgendwo enden, sagte Frank. Das soll überhaupt erst einmal anfangen, so siehts doch aus!
(…)
Und dann? Wirst du dann wieder als Speditionskaufmann arbeiten?
Nein, sagte Frank, und er war selbst erstaunt, wie entschieden er das sagte, dabei hatte er noch garnicht in Ruhe darüber nachgedacht. Nein, wiederholte er trotzdem, das ist nichts. Ich meine, das ist irgendwie okay, und ich war ja auch ganz gut dabei, aber das reicht nicht.
Was meinst du damit: das reicht nicht?
Es reicht nicht, wenn man irgendetwas ganz gut macht. Ganz gut ist gar nichts, sagte Frank, der sich selbst darüber wunderte, wo diese Meinung so plötzlich herkam. Er hatte sie vorher noch nie formuliert, und trotzdem war er in diesem Moment völlig überzeugt davon, dass das, was er hier spontan über ein Glas Bier hinweg im Pharaonenkeller seinem Bruder durch den allgemeinen Krach und Gestankt hinweg zubrüllte, ganz und gar wahr und der Schlüssel zu Allem war. Komisch, wie plötzlich sowas kommt, dachte er, und dann sagte er: Etwas ganz gut zu machen, ist ein Scheiß. Es ist Zeitverschwendung. Man muss was finden, was man richtig gut macht, und das kann etwas sein, was man auch richtig gerne macht. Und sei es nur, dass man es deshalb richtig gerne macht, weil man es richtig gut macht.
Hä? rief sein Bruder (…).
Wenn man etwas nicht richtig gerne macht, dann macht man es auch nicht richtig gut, redete Frank einfach weiter, und wenn man etwas nicht richtig gut macht, dann macht man es auch nicht gerne, das ist das Problem.
(…)
Was willst du denn sonst machen? ließ sein Bruder nicht locker.
Wie jetzt?
Wenn du nicht als Speditionskaufmann arbeitest, was willst du denn dann machen?
Du hast nicht zugehört, sagte Frank, ich weiß es noch nicht genau.
Aha.
Vielleicht sollte ich studieren.
Studieren? Seit wann willst du studieren, und was denn?
Keine Ahnung, sagte Frank (…).
Na dann. Sag mal, Franki, irgendetwas ist anders heute mit dir.
Ja?
Ja, irgendwie machst du heute einen entspannteren Eindruck als gestern. Ja, echt mal, sagte sein Bruder.
Soso, sagte Frank, und dachte an Sibylle, und wie er sie heute morgen gegen fünf verlassen hatte, und wie er dann durch das ausgestorbene Ostertorviertel geschlendert war, und dabei ständig versucht hatte, sich einen Reim auf alles zu machen. Es ist eine seltsame Sache, dachte er, es ist wie wenn man schwebt, und solange man nicht darüber nachdenkt und nicht darüber spricht, dachte er, fällt man auch nicht auf den Boden.

Sven Regener: Neue Vahr Süd, Kapitel 34: Bückling (16:26-17:00)

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